Sauerbraten und Seidla-Sucht in Gößweinstein - Ein Gößweinstein-Krimi

Sauerbraten und Seidla-Sucht in Gößweinstein - Ein Gößweinstein-Krimi

19.07.2026 14:02

Sauerbraten und Seidla-Sucht in Gößweinstein

Ein Gößweinstein-Krimi

Von Thomas Weichert

Kriminalhauptkommissar Erwin Feuchtgruber rieb sich die Schläfen. Vor ihm stand ein frisch gezapftes, dunkles Seidla Wallfahrerbier, doch der Appetit war ihm gründlich vergangen. Eigentlich wollte er den lauen Sommerabend im gemütlichen Biergarten unterhalb der mächtigen Burg Gößweinstein ausklingen lassen. Stattdessen starrte er nun auf das hölzerne Bierzelt-Ensemble mit Blick auf die barocke Basilika.
Dort, wo normalerweise glückliche Wallfahrer und Wanderer ihre Schäufele verzehrten, saß die lokale Berühmtheit und Marktgemeinderätin Elvira Kummer. Kerzengerade. Maustot. Ihre Augen waren weit aufgerissen, und ihr Gesicht hatte die ungesunde Farbe eines unreifen Knödels angenommen. Mitten in ihrem tiefen Teller mit fränkischem Sauerbraten steckte eine Gabel – und auf der Gabel lag ein handgeschriebener Zettel.
„Des fei net“, murmelte Erwins schon etwas älterer Kollege, Assistent Schorsch Etzdörfer, der gerade mit der Spurensicherung eingetroffen war und nervös über sein spärliches Haupthaar strich. „Wer vergiftet denn bitteschön den Sauerbraten? Des is ja ein Sakrileg!“
Erwin zog eine Pinzette aus seiner Manteltasche und fischte den Zettel aus der Lebkuchensauce. Der Text war in krakeligen Großbuchstaben verfasst:
„WER DIE HEIMAT VERRÄT, DER STIRBT AM SCHÄUFELE. ODER EBEN AM BRATEN. DIE NÄCHSTE ZECHE ZAHLST DU.“
„Schau her, Schorsch“, sagte Erwin und hielt das Papier ins fahlere Licht der Biergarten-Laternen. „Die Kummer wollte nächste Woche im Marktgemeinderat den Bau einer modernen Aussichtsplattform direkt am Gernerfels durchwinken. Da gab es gewaltigen Gegenwind von den Naturschützern und den alteingesessenen Bergwachtlern.“
„Meinst, einer von den Kletterern hat hier die Soße nachgewürzt?“, fragte Schorsch und schluckte schwer.
Erwin antwortete nicht. Sein Blick wanderte zum Tresen. Dort stand der Wirt Eduard Heuhuber, ein stämmiger Franke mit einem Bart, in dem man ein ganzes Vesperbrot hätte verstecken können. Sein Biergarten war erst kürzlich einem Buttersäure-Anschlag zum Opfer gefallen. Eduard Heuhuber wischte mit einem sichtlich zittrigen Tuch immer wieder dasselbe Glas trocken.
Der Kommissar ging hinüber, die Dielen des alten Wirtshauses knarzten unter seinen Schritten. „Eduard“, sagte Erwin ruhig. „Du hast die Elvira bedient. Was war da los?“
Eduard schaute nicht auf. „Erwin ich sag’s dir wie es is. Die Elvira hat ihr Essen bestellt, wie immer. Sauerbraten, extra viel Soße, zwei Klöß. Ich hab's ihr rausgetragen. Dann kam dieser Tourist – oder wer auch immer das war. Ein Kerl mit einer tief ins Gesicht gezogenen Schiebermütze. Er hat angeblich nach dem Wanderweg zur Balthasar-Neumann-Promenade gefragt. Er stand kurz an ihrem Tisch, während ich drinnen ein neues Fass angestochen hab.“
„Und wie sah der Typ aus?“, bohrte Schorsch nach.
„Na, normal halt! Blaue Jacke. Aber er hat geredet wie ein Preuße. Berliner Dialekt. Hochdeutsch, ohne jeden Zungenschlag. Das fällt hier in der Fränkischen Schweiz doch sofort auf!“, stieß Schorsch hervor und stellte das Glas mit einem harten Knall auf die Theke. Udo war angeblich sein Name.
Erwin stutzte. Ein professioneller Giftmörder, der sich als Tourist tarnte? Oder ein cleverer Einheimischer, der absichtlich die Sprache verstellte, um die Ermittler auf eine falsche Fährte zu locken?
„Schorsch, wir prüfen die Überwachungskameras am Busparkplatz und an der Basilika“, wies Erwin seinen Assistenten an. „Und lass mir die Sauce im Labor untersuchen. Ich will wissen, ob das E605 war oder etwas Kreativeres.“
Als Schorsch herauseilte, trat die jung gebliebene Maria, die gute Seele der Küche und seit vierzig Jahren die Köchin des Hauses, an den Tresen. Sie drückte Erwin eine Tasse starken, schwarzen Kaffee in die Hand. Erwin, hör net auf das Geschwätz vom Schorsch“, flüsterte sie mit rauer Stimme. „Der 'Preuße' war kein Tourist. Ich hab den Schal gesehen, den er verloren hat, als er Richtung Kneippanlage und Kurpark weglief. Das war der exklusive Schal vom lokalen Höhlenforscher-Verein. Den kriegen nur die Gründungsmitglieder. Und weißt du, wer da im Vorstand sitzt?“
Erwins Augen verengten sich. „Der Investor, der die Schottersmühle kaufen wollte und von der Kummer im Gemeinderat blockiert wurde.“
„Genau so schaut's aus“, sagte Maria und nickte grimmig. „Heimatliebe geht bei uns eben durch den Magen – und manchmal über Leichen.“
Erwin trank den Kaffee in einem Zug aus. Der Abend würde lang werden, und das Seidla Bier musste wohl bis zum nächsten Wochenende warten.
 
Kapitel 2: Dunkle Gassen und die Beichte von Pater Lukas

Der nächste Morgen in Gößweinstein begann mit dichtem Nebel, der wie ein Leichentuch über dem Wiesenttal hing. Kriminalhauptkommissar Erwin Feuchtgruber saß in seinem provisorischen Büro in der Polizeiinspektion, als das Telefon schrillte. Es war das Labor aus Bamberg.
„Erwin? Wir haben das Gift“, tönte es aus dem Hörer. „Kein E605. Es war Blauer Eisenhut. Hochgiftig, wächst direkt bei euch in der Fränkischen Schweiz an feuchten Waldrändern. Jemand hat die Blätter fein gehackt und unter die Lebkuchensauce gemischt. Der Geschmack wurde perfekt vom lebkuchensüßen Aroma der Soßee übertönt.“
„Danke, Kollege“, murmelte Erwin Feuchtgruber und legte auf. Also doch ein Naturprodukt. Das passte ins Bild.
„Chef!“, platzte Schorsch in den Raum, sichtlich außer Atem. „Ich hab das Alibi vom Investor der Schottersmühle geprüft. Der war zur Tatzeit nachweislich bei einer Sitzung im Kreistag in Forchheim. Aber Pater Lukas von der Basilika hat angerufen. Er meint, er muss uns dringend sprechen. Es geht um das Seelenheil der Gemeinde – und um den Mord.“
Wenige Minuten später schritten die beiden Ermittler durch das mächtige Portal der barocken Basilika. Drinnen roch es nach Weihrauch und kaltem Stein. Pater Lukas, ein hagerer Mann mit gütigen, aber besorgten Augen, erwartete sie bereits am Chorgestühl.
„Kommissar Feuchtgruber“, sagte der Pater mit gedämpfter Stimme. „Ich stehe unter dem Siegel des Beichtgeheimnisses, was konkrete Namen angeht. Aber meine Pflicht als Christ zwingt mich, Ihnen einen Hinweis zu geben. Gestern Spätnachmittag, kurz vor der Tat, war jemand im Beichtstuhl. Die Person war völlig von Sinnen. Sie sprach von einer ‚Reinigung Gößweinsteins‘ und dass der Teufel auf dem Gernerfels thronen würde, wenn die Aussichtsplattform gebaut wird.“
„Hat derjenige die Tat gestanden?“, bohrte Erwin nach.
„Nein“, schüttelte Pater Lukas den Kopf. „Aber die Person sagte, dass die Wahrheit tief im Schoß der Erde liegt. In der ‚Unterwelt‘, wo die wahren Hüter der Heimat zu Hause sind.“
Erwin Feuchtgruber und Schorsch sahen sich an. Die Unterwelt. Der Höhlenforscher-Verein.
„Schorsch, wir müssen zu Ferdl Haselhuber“, wies Erwin seinen Assistenten an. „Dem gehört die halbe Ausrüstung im Ort, und als Chef des Höhlenforscher-Vereins kennt er jeden Winkel unter der Erde.“
Sie trafen den kauzigen Höhlenforscher Ferdl Haselhuber hinter seinem Haus, wo er gerade schlammige Seile und Karabiner sortierte. Als Erwin ihm das Beweisstück – den gefundenen Vereinsschal – unter die Nase hielt, wurde Haselhuber bleich.
„Ja, mächsd mich derschlaff, Erwin“, stammelte Haselhuber im reinsten Dialekt. „Des is fei mei alter Schal! Den hab ich vor einer Woche in der Burghöhle liegen lassen. Aber ich war gestern den ganzen Abend in der Fellnerdoline unterwegs. Fragt die Franzi! Aber ich sag euch eins: Jemand hat gestern Abend unser geheimes Ausrüstungslager in der alten, nicht erschlossenen Nebenhöhle direkt unterhalb der Burg aufgebrochen. Ich wollt grad hin, um nach dem Rechten zu sehen.“
„Waffe raus, Schorsch“, flüsterte Erwin Feuchtgruber, als sie wenig später den steilen Pfad zur Burg Gößweinstein hinaufstiegen. Der Nebel hatte sich noch immer nicht verzogen, der Boden war glitschig vom Tau. Hinter einer dichten Brombeerhecke stießen sie auf den eisernen Gitternetz-Eingang der Höhle. Das Vorhängeschloss war tatsächlich aufgebrochen.
Sie schalteten ihre Taschenlampen ein. Die Kälte der Höhle schlug ihnen sofort entgegen, der Atem bildete kleine Wolken. Der Lichtstrahl tanzte über Jahrtausende alte Stalaktiten. Plötzlich ertönte aus der Tiefe des Ganges ein dumpfer Aufprall – gefolgt von hastigen Schritten, die das Echo der Höhle unheimlich verzerrte.
„Halt! Polizei!“, rief Erwin und rannte los.
Der Gang verengte sich, sie mussten sich ducken. Am Ende einer großen Halle sahen sie eine Gestalt im fahlen Schein einer Grubenlampe. Es war der Wirt, Eduard Heuhuber. In der Hand hielt er eine alte Holzkiste von Haselhubers Verein, gefüllt mit getrockneten, dunklen Pflanzenblättern.
„Eduard! Bleib fei stehen!“, rief Schorsch. „Des hat doch keinen Wert mehr!“
Eduard drehte sich um, sein Gesicht war tränenüberströmt. „Ihr versteht des net, Erwin!“, schrie er verzweifelt gegen die Höhlenwände an. „Die Kummer wollte unseren Ort verkaufen! Eine Aussichtsplattform für Massentouristen auf unserem heiligen Gernerfels! Die traditionsreichen Gasthöfe sterben aus, und sie holt die großen Ketten her. Ich musste Gößweinstein schützen! Den Schal vom Haselhuber hab ich extra mitgenommen, falls mich einer sieht!“
„Mit Gift, Eduard?“, fragte Erwin Feuchtgruber ruhig und trat langsam näher. „Du hast den unschuldigen Sauerbraten missbraucht und einen Menschen getötet.“
„Es war für die Heimat“, flüsterte Eduard, ließ die Kiste fallen und brach auf dem feuchten Höhlenboden zusammen. Die getrockneten Blätter des Blauen Eisenhuts verteilten sich im Staub.
Schorsch trat vor und legte dem zitternden Wirt die Handschellen an. Als sie aus der dunklen Höhle traten, brach die Sonne durch den Nebel und beleuchtete die Spitzen der Basilika.
„Weißt du, was das Schlimmste an der Sache ist, Schorsch?“, fragte Erwin, als sie den Berg hinabgingen.
„Dass der Eduard jetzt ins Gefängnis muss, Chef?“
„Nein“, seufzte Erwin Feuchtgruber. „Dass es in ganz Gößweinstein jetzt auf absehbare Zeit keinen anständigen Sauerbraten mehr gibt.“

Zwei Wochen nach dem dramatischen Zugriff in der Höhle hatte sich der Nebel über Gößweinstein endgültig verzogen. Ein milder Sommerabend legte sich über den Marktplatz. Erwin Feuchtgruber und sein Assistent Schorsch saßen im gemütlichen Biergarten eines verbliebenen Traditionsgasthofs Zur Fränkischen Schweiz. Vor ihnen dampften zwei riesige Portionen Schäufele mit krachiger Kruste und hausgemachten Kartoffelklößen.
„Na also, Schorsch“, sagte Erwin und hob sein frisch gezapftes, dunkles Wallfahrerbier Seidla. „Nach dem ganzen Theater mit dem Sauerbraten schmeckt das Schäufele gleich doppelt so gut.“
„Da haben Sie recht, Chef“, grinste Schorsch und stieß mit ihm an. „Und das Beste ist: Der Marktgemeinderat hat das Projekt auf dem Gernerfels offiziell auf Eis gelegt. Der Denkmalschutz hat eingegriffen.“
In diesem Moment öffnete sich das hölzerne Gartentor, und zwei bekannte Gesichter traten an den Tisch. Pater Lukas, stilecht im schwarzen Talar, und der Höhlenforscher Ferdl Haselhuber, der sich den Staub der Fellnerdoline noch schnell von der Hose geklopft hatte.
„Grüß Gott, die Herren“, sagte Pater Lukas mit einem sanften Lächeln. „Ist an diesem Tisch der Gerechten noch ein Platz für die Kirche und die Wissenschaft frei?“
„Aber freilich, Herr Pater, Ferdl, setzt euch zu uns!“, rief Erwin Feuchtgruber gut gelaunt und winkte die Bedienung herbei. „Zwei Seidla für die Neuzugänge, aber zackig!“
Ferdl Haselhuber nahm erleichtert Platz und legte seine Hände auf den hölzernen Tisch. „Ich sag’s euch, Erwin, Erwin... Ich bin fei echt froh, dass meine Ausrüstung wieder vollzählig im Lager liegt. Der Eduard Heuhuber hat mir da unten ein ganz schönes Durcheinander hinterlassen. Aber dass er meinen verlorenen Schal als falsche Fährte nutzen wollte – das nimmt mir mein Lokalstolz heute noch krumm.“
„Der Eduard hat sich von seinem falschen Patriotismus verleiten lassen“, stellte Pater Lukas ernst fest und faltete die Hände. „Er hat vergessen, dass man die Heimat nicht schützt, indem man das Gebot ‚Du sollst nicht töten‘ bricht. Seine Beichte bei mir war der verzweifelte Versuch, sein Gewissen vor der Tat noch irgendwie reinzuwaschen. Gott sei Dank konntet ihr Schlimmeres verhindern.“
Die Bedienung Klara brachte die kühlen Biere. Der weiße Schaum stand perfekt über dem dunklen Gerstensaft.
„Auf Gößweinstein“, sagte Erwin Feuchtgruber und hob sein Glas in die Runde. „Dass unsere Höhlen tief bleiben, unsere Kirchen voll und unsere Braten in Zukunft absolut giftfrei!“
„Prost!“, erklang es viermal unisono, während im Hintergrund die Glocken der Basilika den Feierabend einläuteten.

Kapitel 3: Bitterer Schnaps und die Altstadt-Fehde

Kaum waren die Knochen des Versöhnungs-Schäufeles abgenagt, war es mit der Idylle in Gößweinstein wieder vorbei. Nur drei Wochen nach Eduard Heuhubers Festnahme schrillte Erwin Feuchtgrubers Diensthandy. Mitten in der Nacht.
„Erwin, komm schnell zum Minigolfplatz unterhalb der Burg“, keuchte Schorsch am anderen Ende der Leitung. „Wir haben wieder eine Leiche. Und diesmal ist es richtig ungemütlich.“
Als Erwin wenig später den Tatort erreichte, lag der Geruch von feuchtem Gras und billigem Kirschlikör in der Luft. Scheinwerfer der Spurensicherung tauchten die Bahnen in ein gespenstisches Licht. Direkt auf Bahn 7 – der berüchtigten „Vulkan“-Bahn – lag eine Gestalt im feinen Zwirn.
Es war Dr. Armin Brandner, der vermögende Investor aus Forchheim, der damals die Schottersmühle kaufen wollte und nach dem Mord an der Gemeinderätin endgültig abgewiesen worden war. Seine Augen starrten glanzlos in den fränkischen Nachthimmel. Neben seiner Hand lag ein umgekipptes Schnapsglas. In seiner Brusttasche steckte, wie eine bizarre Dekoration, ein blauer Minigolfschläger.
„Erwin, schau mal“, sagte Schorsch und zeigte mit der Taschenlampe auf den betonierten Rand der Bahn. Dort war mit Kreide eine klobige Nachricht hinterlassen worden:
WER DIE HEIMAT KAUFEN WILL, DER ZAHLT MIT DEM LEBEN. DIE LETZTE RUNDE GEHT AUFS HAUS.
„Ein Nachahmungstäter?“, murmelte Erwin und rieb sich den Schlafmangel aus den Augen. „Oder hat der gute Eduard Heuhuber doch einen Komplizen gehabt, der sein Werk nun fortsetzt?“
„Das Gift war diesmal kein Eisenhut, Chef“, warf der Gerichtsmediziner ein, der gerade aufstand. „Der bittere Mandelgeruch ist unverkennbar. Zyankali. Extrem schnell, extrem tödlich.“
Erwin blickte sich um. Am Rand des Minigolfplatzes stand zitternd die Pächterin der Anlage, die betagte Walli Knauer, eingewickelt in eine Wolldecke.
„Walli“, trat Erwin an sie heran. „Was ist passiert? Wer war hier?“
„Ich... ich weiß es nicht, Erwin“, stammelte sie. „Der Dr. Brandner hatte ein spätes Treffen hier. Er wollte die Anlage pachten, um daraus einen modernen Erlebnispark zu machen. Er saß an Tisch 3 und hat auf jemanden gewartet. Ich war in der Hütte, um die Kasse zu machen. Dann hörte ich nur einen Schrei und das Scheppern von Glas.“
„Hast du jemanden weglaufen sehen?“, bohrte Schorsch nach.
„Nur eine Silhouette“, flüsterte Walli. „Groß, schlank, mit einer dunklen Kutte. Ich dachte erst, es sei Pater Lukas auf dem Rückweg zur Basilika. Aber die Gestalt war viel zu flink. Sie rannte den steilen Pfad hinauf in Richtung der Kreuzbergkapelle.“
Erwin Feuchtgruber sah hinauf zur Burg, deren Umrisse sich dunkel gegen den Nachthimmel abhoben. Der Fall Heuhuber war gelöst, doch die Wut über den Ausverkauf der Heimat saß in der Gemeinde tiefer, als die Ermittler geahnt hatten.
„Schorsch, wir wecken Pater Lukas auf – wir müssen wissen, wer in Gößweinstein neuerdings in Kutte herumläuft“, befahl Erwin grimmig. „Und lass die Überwachungsvideos der Kreuzbergkapelle auswerten. Jemand versucht hier, einen heiligen Krieg um unsere Heimat zu führen.“

Kapitel 4: Das Geheimnis der Kreuzbergkapelle

Die Stufen hinauf zur Kreuzbergkapelle waren steil und vom nächtlichen Tau spiegelglatt. Schorsch leuchtete mit einer zittrigen Taschenlampe den Weg voran, während Erwin mühsam Schritt hielt.
„Eine Kutte, Chef... meinst du echt, der Herr Pater hat etwas damit zu tun?“, keuchte Schorsch und rutschte fast auf einer feuchten Baumwurzel aus.
„Pater Lukas bricht vielleicht das Fasten für ein gutes Seidla, aber er vergiftet keine Investoren“, erwiderte Erwin atemlos. „Die Kutte war ein Kostüm. Um unerkannt durch die finsteren Gassen der Altstadt zu kommen. Wer in Gößweinstein eine Kutte trägt, fällt nachts erst mal nicht auf – wir sind schließlich ein Wallfahrtsort.“
Oben an der Kapelle angekommen, bot sich ihnen ein Bild des Friedens, das so gar nicht zu dem grausamen Mord im Tal passen wollte. Die Tür der kleinen Kapelle stand jedoch einen Spaltbreit offen. Drinnen brannte ein Meer aus Opferkerzen.
Erwin stieß die schwere Holztür lautlos auf. Vor dem Altar lag etwas, das im flackernden Kerzenlicht metallisch glänzte: Ein schwerer, alter Schlüssel mit einem ledernen Anhänger. Erwin trat näher und hob ihn mit einem Taschentuch hoch. Auf dem Leder stand eingebrannt: „Kneippanlage & Kurbetrieb – Archiv“.
„Der Schlüssel gehört zum alten, stillgelegten Trakt des Kurhauses“, stellte Schorsch überrascht fest. „Das Gebäude steht seit Jahren leer. Dr. Brandner wollte es nächsten Monat ersteigern, um dort ein Luxus-Wellnesshotel hinzubauen!“
„Und genau das hat jemand mit allen Mitteln verhindert“, schlussfolgerte Erwin. „Schorsch, ruf die Zentrale an. Sie sollen das Archiv des Kurhauses sofort umstellen. Wir fahren hin.“

Kapitel 5: Finale im Kurbad

Das alte Kurhaus am Rande des Kurparks wirkte im fahlen Licht des beginnenden Morgens wie ein riesiges Gespenst aus Beton und Holz. Die Fenster waren verrammelt, doch die Nebeneingangstür stand weit offen. Das Schloss war nicht aufgebrochen worden – es war sauber aufgeschlossen worden.
Erwin und Schorsch betraten das Gebäude mit gezogenen Dienstwaffen. Der Geruch von Staub, altem Papier und Chlor lag in der Luft. Ihre Schritte hallten unheimlich auf den alten Linoleumböden. Sie folgten dem fahlen Schein eines Lichts, das aus dem Kellergeschoss drang – dem alten Archiv.
Als sie die Schwelle zum Archivraum überschritten, trauten sie ihren Augen nicht. Zwischen Bergen von alten Aktenordnern stand eine Person und stopfte hektisch Dokumente in einen Aktenvernichter. Es war keine Unbekannte.
Es war Maria, die vermeintlich gute Seele der Küche aus dem ersten Fall. Sie trug noch immer die dunkle, weite Regenjacke mit Kapuze, die Walli Knauer im Dunkeln für eine Kutte gehalten hatte. Auf dem Tisch neben ihr stand eine kleine braune Apothekerflasche mit der Aufschrift Kaliumcyanid.
„Halt! Polizei! Hände hoch, Maria!“, rief Erwin, die Waffe fest im Anschlag.
Maria fuhr herum. Ihr sonst so freundliches Gesicht war starr vor Zorn und Enttäuschung. Sie ließ die Papiere fallen und hob langsam die Hände.
„Du hast Eduard damals verpfiffen, Maria“, sagte Erwin sichtlich erschüttert. „Du hast uns den Tipp mit dem Höhlenforscher-Schal gegeben. Warum?“
Maria lachte bitter auf. „Weil Eduard ein Stümper war! Er hat die Kummer umgebracht, weil er Angst um seinen Biergarten hatte. Ein Amateur! Aber er hat damit alles ruiniert. Er hat die Polizei in den Ort geholt, bevor mein Plan fertig war!“
„Dein Plan?“, bohrte Schorsch nach, während er ihr vorsichtig die Handschellen anlegte.
„Brandner hatte Verträge in der Tasche, Schorsch!“, rief Maria verzweifelt. „Er hat nicht nur die Schottersmühle gewollt. Er hatte die Beamten im Landratsamt geschmiert, um das gesamte historische Kurviertel abzureißen! Hier, seht euch die Akten an! Er hätte Gößweinstein zerstört, um seine hässlichen Beton-Bunker für reiche Touristen hochzuziehen. Ich arbeite seit vierzig Jahren in diesem Ort. Ich habe zugesehen, wie die Traditionen sterben. Ich musste Brandner stoppen, bevor er den Vertrag für das Kurhaus unterschreibt. Der Minigolfplatz war seine letzte Station.“
„Und dafür gehst du über Leichen, Maria?“, fragte Erwin leise. „Glaubst du wirklich, so rettet man die Heimat?“
„Die Heimat rettet sich nicht von allein, Erwin“, entgegnete Maria kühl, als Schorsch sie abführte.

Drei Tage später saßen Erwin und Schorsch wieder im Biergarten „Zur Fränkischen Schweiz“. Die Sonne schien, und die Basilika erstrahlte im besten Sommerlicht. Doch die Stimmung war gedrückt. Zwei Morde in so kurzer Zeit hatten den beschaulichen Wallfahrtsort tief erschüttert.
Pater Lukas trat an ihren Tisch und setzte sich schweigend. Die Bedienung brachte drei Seidla Wallfahrerbier.
„Es ist ein Jammer“, sagte der Pater und blickte in sein Glas. „Der Teufel hat viele Gesichter, aber dass er sich als übertriebene Heimatliebe tarnt, das schmerzt die Gemeinde am meisten. Maria war eine gläubige Frau.“
„Heimatliebe ist wie starker Schnaps, Herr Pater“, sagte Erwin nachdenklich und nahm einen tiefen Schluck aus seinem Seidla. „Ein bisschen davon wärmt das Herz. Aber wenn man zu viel davon erwischt, wird es zum reinen Gift.“
Schorsch nickte stumm und biss in eine Stadtwurst. „Immerhin, Chef... das Kurhaus bleibt erst mal stehen. Und der Denkmalschutz prüft jetzt die alten Akten, die Maria noch nicht vernichtet hat. Brandners Verträge sind illegal.“
Erwin hob sein Glas in die Runde. „Auf Gößweinstein. Dass es ab jetzt wieder das bleibt, was es sein soll: Ein Ort für friedliche Wallfahrer, gutes Bier und absolut friedliche Nachbarn. Prost.“
Die Gläser klangen zusammen, und im Hintergrund läuteten die Glocken der Basilika den wohlverdienten Feierabend ein.

Kapitel 6: Das Erbe der Schottersmühle

Die Blätter in den Wäldern rund um die Burg Gößweinstein färbten sich bereits herbstlich rot, als das Telefon in Erwin Feuchtgrubers Büro erneut das Ende des Friedens einläutete. Am Apparat war Ferdl Haselhuber, der Chef des Höhlenforscher-Vereins. Seine Stimme zitterte so heftig, dass Erwin ihn kaum verstand.
„Erwin! Du musst kommen! Es ist an der Schottersmühle... dem alten Wehr!“, stammelte Ferdl. „Ich wollte nach dem Rechten sehen, weil dort wegen des Denkmalschutzes Baustopp ist. Da... da treibt jemand im Wasser!“
Zehn Minuten später stand der Streifenwagen mit kreischenden Reifen am Ufer des kleinen Flusses Wiesent, direkt unterhalb der der Schottersmühle. Schorsch sicherte mit rot-weißem Flatterband das Flussufer, während die Feuerwehr eine Gestalt aus dem eiskalten, strömenden Wasser barg.
Es war Dr. Klaus-Dieter Wagner, der oberste Denkmalschutzprüfer des Landkreises Forchheim. Er war der Mann, der nach Marias Verhaftung die illegalen Verträge des vergifteten Investors Dr. Brandner prüfen sollte. Doch Wagner würde keinen Bericht mehr schreiben. Seine Brille fehlte, sein Gesicht war bleich und im Schilf verfangen.
„Ertrunken?“, fragte Schorsch mit bangem Blick auf den leblosen Körper.
„Glaub ich nicht“, sagte Erwin düster, kniete sich in den Schlamm und deutete auf den Hals des Toten. „Siehst du die Würgemale? Da hat jemand kräftig nachgeholfen, bevor er ihn in die Wiesent geworfen hat.“
Als die Sanitäter den Toten auf die Trage hoben, fiel ein nasses, zusammengefaltetes Stück Papier aus der Manteltasche des Prüfers. Erwin entfaltete es vorsichtig mit der Pinzette. Der Text war mit einer Schreibmaschine getippt worden, doch die Botschaft war dieselbe brutale Sprache wie zuvor:
WER DIE GEHEIMNISSE DER HEIMAT VERKAUFT, GEHT MIT IHR UNTER. DAS WAR DIE LETZTE WARNUNG AN DIE BEAMTEN.
„Das gibt es doch nicht!“, rief Schorsch verzweifelt aus. „Der Wirt Eduard sitzt im Knast, die Köchin Maria ist in der U-Haft. Wer zur Hölle mordet denn jetzt noch im Namen der Heimat?!“
„Jemand, der verhindern wollte, dass Dr. Wagners Prüfbericht jemals das Licht der Welt erblickt“, kombinierte Erwin kühl. „Maria sagte, der Investor Brandner habe Beamte im Landratsamt geschmiert. Dr. Wagner war diesen korrupten Machenschaften auf der Spur. Und der Mörder sitzt diesmal nicht in der Küche oder im Wirtshaus, Schorsch. Er sitzt im Rathaus oder im Landratsamt.“

Kapitel 7: Die Masken fallen

Die Ermittlungen führten Erwin und Schorsch tief in die Bürokratie des Landkreises. Stundenlang wälzten sie Wagners unvollendete Notizen, die sie aus seinem versiegelten Büro im Forchheimer Amt geholt hatten. Und dort stießen sie auf eine brisante Querverbindung: Eine private Beraterfirma hatte die Verträge zwischen dem Investor Brandner und der Gemeinde Gößweinstein vermittelt – und dafür Millionen an Schmiergeldern kassiert.
Der Kopf dieser Scheinfirma? Ein alteingesessener, hoch angesehener Name aus der Fränkischen Schweiz.
„Chef, schau dir das an“, sagte Schorsch und tippte auf ein Dokument. „Die Baugenehmigung für die Schottersmühle wurde damals von einer einzigen Person im Bauausschuss im Eilverfahren durchgewunken. Und genau diese Person hat vor drei Tagen eine halbe Million Euro auf ein Schweizer Konto überwiesen bekommen.“
Erwin las den Namen, und ihm fror das Blut in den Adern: Ferdl Haselhuber. Der kauzige Höhlenforscher und vermeintliche Heimatretter.
„Er hat uns damals im ersten Fall den Tipp mit Eduards Einbruch im Höhlenlager gegeben, um sich selbst als Opfer darzustellen“, begriff Erwin plötzlich. „Und im zweiten Fall hat er geschwiegen. Er war Brandners geheimer Partner! Als Brandner und die Gemeinderätin tot waren, hatte Ferdl Angst, dass der Denkmalschutzprüfer Wagner die Schmiergeldspuren zu ihm zurückverfolgt.“
Mit Blaulicht rasten sie zurück nach Gößweinstein. Doch Ferdl Haselhubers Haus war leer. Seine Kletterausrüstung fehlte.
„Er flieht in sein Revier“, sagte Erwin grimmig. „Die Unterwelt.“

Kapitel 8: Showdown in der Fellnerdoline

Es war stockdunkel, als Erwin und Schorsch den Rand der Fellnerdoline erreichten – eines der tiefsten und gefährlichsten Höhlensysteme der Fränkischen Schweiz. Am Einstieg der Doline hing ein frisch befestigtes Kletterseil.
„Schorsch, du bleibst oben und sicherst den Ausgang. Wenn ich in zehn Minuten nicht funk, holst du die Bergwacht“, befahl Erwin, schaltete seine Stirnlampe ein und klinkte sich in das Seil ein.
Erwin seilte sich vorsichtig in den engen, vertikalen Schacht ab. Die Kälte schlug ihm entgegen, der Fels war nass und rutschig. Nach zwanzig Metern erreichte er die erste große Halle. Im Schein seiner Lampe sah er Ferdl Haselhuber. Er stand am Rand eines tiefen Abgrunds, einen schweren Rucksack auf dem Rücken, die Flucht nach Nürberg durch die unterirdischen Gänge bereits geplant.
„Halt, Ferdl! Es ist vorbei!“, rief Erwin, die Stimme hallte ohrenbetäubend von den Tropfsteinen wider. Er hielt die Waffe auf ihn gerichtet.
Ferdl fuhr herum, das Licht seiner Grubenlampe blendete Erwin. „Erwin, du verstehst das nicht!“, schrie Ferdl, und seine Stimme überschlug sich vor Wahnsinn. „Ich habe diesen Ort geliebt! Aber die Höhlenforschung kostet Geld! Der Verein war pleite! Brandner hat mir Millionen versprochen, wenn ich ihm helfe, die Grundstücke rechtlich sauber zu bekommen. Ich musste Wagner töten, er hatte die Kontoauszüge!“
„Du hast den Denkmalschutzprüfer ermordet und es als radikale Heimatliebe getarnt, um den Verdacht auf die Öko-Aktivisten zu lenken!“, hielt Erwin dagegen und trat einen Schritt näher. „Du bist kein Heimatretter, Ferdl. Du bist einfach nur gierig.“
Ferdl blickte in den gähnenden Abgrund hinter sich, dann auf Erwins Waffe. Der Stolz des alten Höhlenforschers war gebrochen. Er ließ die Karabiner fallen, sank auf die Knie und hielt Erwin die zitternden Hände entgegen. „Die Heimat... verzeiht mir nie“, flüsterte er.

Epilog: Der wahre Frieden

Es dauerte bis zum Winter, bis in Gößweinstein wirklich Ruhe einkehrte. Ferdl Haselhuber, Maria und Eduard Heuhuber saßen nun alle in der Justizvollzugsanstalt Bamberg und warteten auf ihre Prozesse. Die illegale Beraterfirma war zerschlagen, die Schottersmühle wurde offiziell zum geschützten Naturdenkmal erklärt.
Es war der vierte Adventssonntag. Der Marktplatz vor der Basilika war in weiches, gelbes Licht getaucht, und der Duft von Glühwein und gebrannten Mandeln lag in der Luft.
Erwin und Schorsch standen mit Pater Lukas an einer hölzernen Bude des kleinen Weihnachtsmarktes. Sie hielten dampfende Tassen mit heißem, fränkischen Apfelglühwein in den Händen.
„Nun ist das Trio Infernale der Gößweinsteiner Heimatkrimis also hinter Gittern“, sagte Pater Lukas und nahm einen wärmenden Schluck. „Eduard mordete aus Angst, Maria aus Wut und Ferdl aus Gier. Drei Todsünden in unserem kleinen Wallfahrtsort.“
„Aber jetzt ist der Sumpf ausgetrocknet, Herr Pater“, sagte Schorsch und lächelte erleichtert. „Das Kurhaus wird saniert, die Schottersmühle bleibt unberührt, und im Rathaus wird wieder ehrlich gearbeitet.“
Erwin Feuchtgruber blickte hinauf zu den beleuchteten Türmen der Basilika, aus denen das feierliche Weihnachtsläuten erklang. Er spürte zum ersten Mal seit Monaten eine tiefe, ehrliche Ruhe im Ort.
„Weißt du, Schorsch“, sagte Erwin und stieß mit seiner Tasse an. „Es hat drei Leichen gebraucht, um zu beweisen, dass man die Heimat nicht mit Gift, Gewalt oder Schmiergeld beschützt. Man beschützt sie, indem man aufeinander aufpasst.“
„Wahre Worte, Chef“, sagte Schorsch. „Und das Beste ist: Nächstes Wochenende macht der neue Wirt im Biergarten auf. Es gibt endlich wieder absolut giftfreien Sauerbraten.“
„Na dann“, grinste Erwin. „Prost, Schorsch. Auf den echten Frieden in Gößweinstein.“

„Die Handlung und alle handelnden Personen sind frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären rein zufällig.


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  • Erstellt von Thomas In der Kategorie Allgemein am 19.07.2026 14:02:00 Uhr

    zuletzt bearbeitet: 19.07.2026 14:09
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