Kommissar Feuchtgruber ermittelt wieder in Gößweinstein

Kommissar Feuchtgruber ermittelt wieder in Gößweinstein

19.07.2026 14:55

Kommissar Feuchtgruber ermittelt wieder in Gößweinstein

Von Thomas Weichert

Kapitel 1: Der stumme Wächter der Basilika

Der Frühling in der Fränkischen Schweiz zeigte sich von seiner schönsten Seite. Die Obstbäume im Wiesenttal standen in voller Blüte, und die barocke Basilika von Gößweinstein thronte majestätisch über dem von der Morgensonne geküssten Marktplatz. Kriminalhauptkommissar Erwin Feuchtgruber genoss die Ruhe. Nach dem turbulenten Vorjahr mit der Verhaftungswelle rund um den Höhlenforscher-Verein und die Kurhaus-Affäre schien endlich wieder der fränkische Frieden eingekehrt zu sein.
Erwin saß auf einer Holzbank vor der Basilika, in der Hand ein Stück warmes Käsestangengebäck von der lokalen Bäckerei. Doch die Idylle zerbrach mit dem markerschütternden Schrei von Mesner Baptist, der mit aufgerissenen Augen aus dem mächtigen Kirchenportal gestürzt kam.
„Erwin! Um Gottes willen, Erwin! Schnell!“, schrie der alte Mann und deutete mit zitterndem Finger zurück in das Innere des Gotteshauses.
Erwin zögerte keine Sekunde, ließ sein Gebäck fallen und sprintete durch das Portal. Drinnen roch es nach Weihrauch, Bienenwachs und – etwas, das Erwin sofort die Nackenhaare aufstellen ließ: dem süßlichen, metallischen Geruch von frischem Blut.
Direkt vor dem prächtigen Hochaltar von Balthasar Neumann bot sich ihm ein Bild des Grauens. Am kunstvoll geschnitzten Chorgestühl lehnte eine Gestalt. Es war Stefan Behringer, der neu gewählte, dynamische Bürgermeister von Gößweinstein, der erst vor wenigen Monaten mit dem Versprechen angetreten war, Transparenz und absolute Ehrlichkeit in das von Skandalen geschüttelte Rathaus zu bringen.
Behringer war tot. Seine Augen starrten leer zur prachtvollen Deckenmalerei empor. In seiner rechten Hand hielt er eine altmodische Sanduhr, in der der rote Sand unbarmherzig abgelaufen war. Um seinen Hals war eine schwere, goldene Kette gelegt – es war die offizielle Amtskette des Bürgermeisters, doch sie war mit einem massiven Vorhängeschloss direkt an den historischen Holzgittern des Chorgestühls festgekettet.
„Schorsch! Spurensicherung! Sofort an die Basilika!“, bellte Erwin in sein Diensthandy, während seine Schritte auf den kalten Steinplatten hallten.
Als Erwin den Tatort genauer untersuchte, bemerkte er ein Detail, das ihm den Atem raubte. Das Vorhängeschloss an der Amtskette war kein gewöhnliches Schloss. Es war ein uraltes, handgeschmiedetes Eisenschloss, in das drei Buchstaben eingraviert waren: B.G.W.

Kapitel 2: Die Zeit läuft ab
Zehn Minuten später stürmte Schorsch Etzdörfer in die Kirche, die Haare zerzaust, den Notizblock gezückt. „Chef, nicht schon wieder! Wer tut so was an einem so heiligen Ort?“
„Jemand, der ein Zeichen setzen will, Schorsch“, sagte Erwin düster und zeigte auf die Sanduhr. „Das hier ist kein spontaner Beziehungstat. Das ist inszeniert. Der Bürgermeister wurde hierhergebracht oder hergelockt. Und schau dir das Schloss an. B.G.W.“
Pater Lukas, der durch den Lärm alarmiert worden war, trat mit bleichem Gesicht an die Absperrung. Er blickte auf das Schloss und bekreuzigte sich.
„B.G.W.“, flüsterte der Pater mit belegter Stimme. „Das steht für die Bürger-Gilde Gößweinstein. Das war eine radikale, historische Geheimbruderschaft aus dem 19. Jahrhundert. Sie sahen sich selbst als die wahren, unfehlbaren Wächter des Ortes und haben damals Abtrünnige und korrupte Ratsmitglieder nach eigenem Recht verurteilt. Ich dachte, diese Gilde existiert seit hundert Jahren nur noch in den verstaubten Chroniken unseres Pfarrarchivs!“
„Scheint, als hätte jemand die Chroniken sehr aufmerksam gelesen“, kombinierte Erwin. „Pater Lukas, wer hatte in letzter Zeit Zugriff auf dieses Archiv?“
Der Pater schluckte schwer. „Eigentlich nur der Historiker und Leiter des Wallfahrtsmuseums, Dr. Valentin Voss. Er schreibt gerade an einem Buch über die dunklen Geheimnisse der Fränkischen Schweiz.“
Erwin wandte sich an Schorsch. „Wir statten Dr. Voss einen Besuch im Wallfahrtsmuseum ab. Und Schorsch – lass den Gerichtsmediziner prüfen, woran Behringer gestorben ist. Es gibt keine sichtbaren Wunden.“

Kapitel 3: Das Buch der Abrechnung

Der Weg hinauf zum Wallfahrtsmuseum war steil, und der Wind pfiff kühl durch die alten Gassen. Dr. Valentin Voss, ein älterer Herr mit einer dicken Hornbrille und Tweed-Sakko, empfing die Ermittler in seinem mit Exponaten und Büchern vollgestopften Büro im Museumstrakt. Als Erwin ihm von dem Mord und dem Schloss erzählte, ließ Voss vor Schreck seine Teetasse fallen.
„Die Bürger-Gilde? Das ist unmöglich!“, stammelte Voss und wischte sich die Hände an einem Taschentuch ab. „Die Gilde hat sich 1920 offiziell aufgelöst. Ihre Pranger-Methoden waren drakonisch. Wenn sie der Meinung waren, ein Amtsträger schadet der Gemeinde, haben sie ihm die 'letzte Stunde' verkündet. Daher die Sanduhr!“
„Und wie vollstreckten sie ihre Urteile?“, bohrte Erwin nach.
Voss sah die Ermittler mit schreckgeweiteten Augen an. „Sie nutzten das 'Wasser der Läuterung'. Ein hochkonzentriertes Destillat aus der giftigen Tollkirsche, gemischt mit lokalem Quellwasser. Es führt innerhalb von Minuten zum Herzstillstand, hinterlässt aber kaum äußere Spuren.“
„Der Bürgermeister wollte heute Abend im Gemeinderat die neuen Pläne für die Offenlegung der Gemeindefinanzen vorstellen“, warf Schorsch ein, der gerade eine Nachricht auf seinem Handy las. „Er hatte Beweise, dass Gelder aus dem Kulturetat seit Jahren veruntreut wurden.“
Erwin fixierte den Historiker. „Dr. Voss, wer wusste außer Ihnen noch so genau über die Methoden der Gilde Bescheid? Wer hat Ihr Archiv im Wallfahrtsmuseum besucht?“
Voss zitterte. „Vor einer Woche war jemand hier. Er hat die alten Protokolle der Gilde kopiert. Ich dachte, es sei für eine private Ahnenforschung. Es war... es war der Chef der örtlichen Traditions-Brauerei, Korbinian Wallfahrer!“

Zwei Wochen später saßen Erwin, Schorsch und Pater Lukas im Biergarten „Zur Fränkischen Schweiz“. Die Brauerei Wallfahrer war unter kommissarische Verwaltung gestellt worden, und die Gemeindefinanzen wurden nun lückenlos aufgearbeitet. Der Sommer klopfte an die Tür, und die Vögel zwitscherten in den Bäumen unterhalb der Burg.
Die Bedienung brachte drei Seidla – diesmal jedoch ein helles Bier von einer Nachbarbrauerei aus der Region.
„Manchmal frag ich mich, Erwin“, sagte Pater Lukas nachdenklich und strich über sein Kreuz, „ob der Boden in Gößweinstein einfach zu tief mit Geheimnissen getränkt ist. Jedes Mal, wenn wir glauben, es ist Ruhe, bricht das Alte wieder hervor.“
„Das Alte ist nicht das Problem, Herr Pater“, sagte Erwin und hob sein Glas. „Das Problem ist, wenn Menschen die Geschichte als Ausrede für ihre eigenen Sünden benutzen. Korbinian wollte nicht die Tradition retten, sondern sein Monopol.“
Schorsch grinste und stieß an. „Auf jeden Fall schmeckt das Bier der Nachbarn auch hervorragend, Chef. Und das Beste ist: Es ist garantiert frei von Tollkirschen und historischen Verschwörungen.“
„Wahre Worte, Schorsch“, lachte Erwin Feuchtgruber und nahm einen tiefen, erlösenden Schluck. „Auf Gößweinstein. Auf die Wahrheit. Und auf einen hoffentlich sehr langen, ruhigen Sommer.“

Kapitel 5: Flammenmeer und die Schatten der Vergangenheit

Der Sommer wich allmählich dem Herbst, und Gößweinstein bereitete sich auf das große, traditionelle Lichterfest vor. Die Hänge rund um die Burg und die Basilika wurden mit Tausenden kleinen Holzfeuern und Wachslichtern bestückt. Es war das absolute Highlight des Jahres, das Tausende von Pilgern und Touristen anzog. Kriminalhauptkommissar Erwin Feuchtgruber und Schorsch Etzdorfer standen auf der Aussichtsplattform, während die Dämmerung hereinbrach und die ersten Feuer entzündet wurden.
„Ein wunderschöner Anblick, Chef“, sagte Schorsch und blies in seine Hände, um sie zu wärmen. „Heute bleibt es friedlich, das spüre ich im Urin.“
„Schorsch, beschrei es fei net“, brummte Erwin und nahm einen tiefen Schluck heißen Tee aus seiner Thermoskanne.
Plötzlich gellte eine Sirene durch das Wiesenttal. Es war nicht das Signal für das Fest. Unten am Marktplatz, direkt aus den Fenstern des Wallfahrtsmuseums, schlugen dicke, pechschwarze Rauchwolken in den Abendhimmel. Das historische Gebäude brannte.
Als Erwin und Schorsch die Brandstelle erreichten, war die Freiwillige Feuerwehr bereits im Großeinsatz. Die Flammen im Erdgeschoss waren schnell unter Kontrolle, doch im dichten Qualm des Archivs machten die Atemschutzgeräteträger eine grausige Entdeckung. Auf dem Boden zwischen versengten Vitrinen lag Dr. Valentin Voss, der Leiter des Museums.
Er war nicht an Rauchgasen erstickt. Mitten in seiner Brust steckte eine uralte, geschmiedete Lanze – ein Exponat aus der kirchenhistorischen Abteilung des Museums. Seine Hand umklammerte krampfhaft ein kleines, halb verbranntes Fragment einer alten Pergamentrolle.

Kapitel 6: Das verbrannte Pergament

Am nächsten Morgen war das Wallfahrtsmuseum polizeilich abgesperrt. Es roch nach verbranntem Holz, Löschwasser und Ruß. Pater Lukas stand mit bleichem Gesicht neben Erwin im zerstörten Archivraum.
„Das ist ein gezielter Anschlag auf unser Gedächtnis, Erwin“, sagte Pater Lukas leise und blickte auf die leeren, verkohlten Regale. „Valentin hat das Museum geliebt. Er hätte sein Leben für diese Dokumente gegeben.“
„Er hat sein Leben gegeben, Herr Pater“, korrigierte Erwin düster. Er hielt die Plastiktüte mit dem Pergamentfragment ins Licht. „Das Feuer wurde im Archiv gelegt. Der Mörder wollte gezielt Dokumente vernichten. Dr. Voss hat ihn überrascht. Schorsch, was sagt das Labor zu dem Pergamentrest?“
Schorsch trat vor, den Ruß noch im Gesicht. „Das Labor konnte ein paar Wörter sichtbar machen, Chef. Es ist ein lateinischer Text aus dem 17. Jahrhundert. Da steht etwas von 'Thesaurus Subterraneus' – unterirdischer Schatz – und die Koordinaten verweisen auf die Mariengrotte hinter der Basilika. Und noch etwas: Die Lanze, mit der Voss getötet wurde, ist die Replik der 'Heiligen Lanze' aus dem Besitz der Bürger-Gilde.“
„Die Bürger-Gilde schon wieder?“, stutzte Erwin. „Korbinian Wallfahrer sitzt doch im Gefängnis!“
„Aber die Gilde bestand nicht nur aus einer Familie“, warf Pater Lukas ein. „Es gab damals drei Gründungsfamilien, die den Eid geschworen hatten: Die Wallfahrers, die Familie von Dr. Voss... und die Familie des örtlichen Steinmetzes, den Großmanns.“

Kapitel 7: Der Code im Stein

Erwin und Schorsch suchten die Werkstatt von Steinmetz Veit Großmann auf, die sich unweit der Kneippanlage befand. Großmann, ein hagerer Mann mit staubigen Händen und finsterem Blick, meißelte gerade an einem Grabstein, als die Ermittler eintraten.
„Veit“, begann Erwin ohne Umschweife. „Dr. Voss ist tot. Das Archiv des Wallfahrtsmuseums wurde niedergebrannt. Und der Mörder hat nach einem Dokument gesucht, das den Schatz der Bürger-Gilde beschreibt. Dem Schatz, den deine Familie im 19. Jahrhundert vor den Behörden versteckt hat.“
Großmann hielt im Schlagen inne. Er legte Meißel und Hammer beiseite und wischte sich den Staub von der Schürze. „Voss war gierig, Erwin. Er wollte das Geheimnis der Gilde lüften und den Schatz an ein großes Auktionshaus verkaufen, um das sanierungsbedürftige Museum zu retten. Er hat vergessen, dass dieser Schatz der Gemeinde gehört – und den wahren Bewahrern der Heimat.“
„Also hast du ihn zum Schweigen gebracht?“, fragte Schorsch und legte die Hand an seine Dienstwaffe.
Großmann lachte kalt. „Ich? Nein. Ich bewahre das Erbe mit dem Meißel, nicht mit der Lanze. Aber Voss hatte einen Investor an der Hand. Einen Mann, der vorgab, das Museum zu unterstützen, aber in Wahrheit nur die alten Goldmünzen der Gilde aus der Mariengrotte stehlen wollte. Geht zur Grotte, Erwin. Wenn ihr schnell seid, erwischt ihr ihn.“

Kapitel 8: Das Urteil der Grotte

Der Nebel kroch durch die Mariengrotte hinter der Basilika, als Erwin und Schorsch mit gezogenen Waffen den feuchten Felsgang betraten. Das Flackern von Taschenlampen spiegelte sich an den nassen Wänden.
Am Ende der Grotte, hinter einer gelockerten Steinplatte unter dem Altarbild, stand eine Gestalt. Es war Markus Brandner – der jüngere Bruder des im letzten Jahr vergifteten Investors Dr. Armin Brandner. Er hatte eine schwere, eiserne Kiste aus dem Felsspalt gezogen und füllte gerade goldene Kelche und historische Münzen in einen Rucksack.
„Halt! Polizei! Keine Bewegung, Brandner!“, rief Erwin.
Brandner fuhr herum, ein langes Jagdmesser in der Hand. „Ihr versteht das nicht!“, schrie er verzweifelt. „Mein Bruder wurde wegen diesem verdammten Ort umgebracht! Die Familie ist ruiniert! Das Gold hier steht uns zu! Voss wollte es mir nicht geben, er wollte es dem Staat überlassen. Da musste ich das Archiv anzünden, um die Spur zu verwischen. Er hat sich mir in den Weg gestellt!“
„Du hast einen unschuldigen Historiker ermordet, Brandner“, sagte Erwin und trat unerbittlich näher. „Die Gier deiner Familie hat schon einmal Blut gefordert. Jetzt ist Schluss damit.“
Brandner blickte auf das Messer, dann auf Erwins Mündung. Mit einem lauten Fluch ließ er die Waffe fallen und hob die Hände. Schorsch trat vor und drückte ihn grob gegen die kalte Felswand, um ihm die Handschellen anzulegen. „Das war deine letzte Runde in Gößweinstein, Brandner“, knurrte Schorsch.

Das Lichterfest der Wahrheit

Drei Tage später war das Lichterfest in vollem Gange. Tausende kleine Flammen erleuchteten die Hänge von Gößweinstein und tauchten den Marktplatz in ein goldenes, feierliches Licht. Der Schatz der Bürger-Gilde war sichergestellt und wurde nun rechtmäßig inventarisiert, um dem wiederaufzubauenden Wallfahrtsmuseum zugutezukommen.
Erwin, Schorsch und Pater Lukas standen am Rande des Marktplatzes und hielten jeweils ein frisch gezapftes, dunkles Seidla in den Händen.
„Ein schwerer Verlust für die Wissenschaft“, sagte Pater Lukas nachdenklich und blickte zu den brennenden Feuern hinauf. „Aber Dr. Voss' Vermächtnis wird im neuen Museum weiterleben. Dank des Schatzes ist die Zukunft der historischen Sammlung gesichert.“
„Und die Brandners sind wir auch endgültig los, Chef“, fügte Schorsch mit einem zufriedenen Grinsen hinzu.
Erwin Feuchtgruber stieß mit den beiden an. Das Bier war kühl, der Schaum perfekt, und das Licht der tausend Feuer spiegelte sich in den Augen der friedlichen Wallfahrer.
„Auf Valentin Voss“, sagte Erwin leise. „Auf die Wahrheit. Und darauf, dass die Geheimnisse von Gößweinstein jetzt endlich dort bleiben, wo sie hingehören: In den Geschichtsbüchern, und nicht auf unseren Tatorten.“
Die Gläser klangen zusammen, und im Einklang mit dem Knistern der Festfeuer läuteten die Glocken der Basilika den tiefen, verdienten Frieden der fränkischen Nacht ein.

Kapitel 9: Das Flüstern der Felsennadeln

Der Winter hatte Gößweinstein fest im Griff. Ein dichter Teppich aus glitzerndem Pulverschnee dämpfte jedes Geräusch, und eiskalte Zapfen hingen wie steinerne Dolche von den Dächern der barocken Basilika. Kriminalhauptkommissar Erwin Feuchtgruber saß in der gemütlichen Stube des Traditionsgasthofs, wärmte seine Hände an einem heißen Becher Glühwein und blickte durch das beschlagene Fenster auf den verschneiten Marktplatz. Nach dem dramatischen Brand im Wallfahrtsmuseum und der Bergung des Gilden-Schatzes im Herbst sehnte er sich nach nichts mehr als einem ereignislosen Jahreswechsel.
Doch das Schicksal spannte die Ermittler in der Fränkischen Schweiz nicht lange auf die Folter. Das Handy in Erwins Manteltasche vibrierte heftig. Es war Schorsch.
„Erwin... du musst sofort zum Gernerfels kommen“, keuchte sein Assistent, und das Zähneklappern war trotz der schlechten Verbindung deutlich zu hören. „Die Bergwacht hat beim Kontrollgang etwas im Schnee gefunden. Es... es sieht aus wie eine makabre Eisskulptur.“
Als Erwin wenig später keuchend den schneebedeckten Gipfel des Gernerfelsens erreichte, schlug ihm ein eisiger Wind ins Gesicht. Schorsch stand neben zwei sichtlich geschockten Männern der Bergwacht vor einer der markanten Felsennadeln.
Dort, auf einem hölzernen Aussichtsplateau, saß eine Gestalt auf einem improvisierten Thron aus Eis und Tannenzweigen. Es war Dr. Renate Winter, die leitende Gutachterin des Landesamtes für Denkmalschutz, die nach den Skandalen der Vorjahre die endgültige kartografische Einteilung der geschützten Zonen rund um Gößweinstein vornahm.
Sie war tiefgefroren. Ihre Haut hatte die bläuliche Farbe von Gletschereis angenommen, und ihre Lippen waren starr geöffnet. In ihrem Schoß lag ein schweres, historisches Buch aus Leder – die offizielle Stadtchronik von Gößweinstein. Doch das Schrecklichste war ihr Hals: Eine filigrane Schnur aus geflochtenem Rosshaar war tief in die Haut eingeschnitten. Eine typische Wilderer-Schlinge.
„Erwin, schau dir die Chronik an“, flüsterte Schorsch und deutete mit eingefrorenen Fingern auf das aufgeschlagene Buch. Eine Passage aus dem Jahr 1648 war rot unterstrichen worden. Daneben klebte eine mit Blut geschriebene Notiz:
WER DIE GRENZEN DER HEIMAT VERSCHIEBT, DER WIRD VOM RECHT DER WILDNIS GERICHTET.
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Kapitel 10: Das Erbe der Jäger

Zurück im beheizten Pfarrhof goss Pater Lukas den beiden Ermittlern heißen, schwarzen Kaffee ein. Er hatte die Stadtchronik, die die Spurensicherung freigegeben hatte, auf dem Holztisch ausgebreitet. Seine Stirn lag in tiefen Falten.
„Das 'Recht der Wildnis'“, murmelte Pater Lukas und strich sich nachdenklich über das Kinn. „Erwin, das ist eine Formulierung, die man im Dreißigjährigen Krieg nutzte. Als die Schweden die Fränkische Schweiz besetzten, bildete sich in den tiefen Wäldern um Gößweinstein eine Gruppe von Untergrund-Jägern, die 'Freischützen'. Sie schützten die Jagdgründe und die Grenzen der Gemeinde mit radikaler Brutalität gegen jeden Eindringling.“
„Und was hat die Denkmalschützerin Dr. Winter damit zu tun?“, bohrte Schorsch nach und klammerte sich an seine Kaffeetasse. „Sie hat doch nur Grenzen auf Karten eingezeichnet!“
„Genau das ist der Punkt“, kombinierte Erwin kühl. „Sie hat letzte Woche ihr neues Gutachten fertiggestellt. Es ging darum, welche Waldgebiete rund um die Burg und den Gernerfels für die exklusive, private Jagd gesperrt und für den sanften Tourismus freigegeben werden. Damit hat sie mächtigen Leuten vor den Kopf gestoßen.“
„Der größte Jagdpächter in diesem Revier ist der alteingesessene Forstrat und Büchsenmacher Waldfried Ggoll“, warf Schorsch ein. „Seine Familie rühmt sich seit Generationen damit, die direkten Nachfahren der historischen Freischützen zu sein.“
Erwin stellte seine Tasse mit einem harten Knall ab. „Wir besuchen den Herrn Forstrat. Und Schorsch – lass mir das Rosshaar der Schlinge im Labor untersuchen. Ich will wissen, ob das aus einer modernen Produktion stammt oder antik ist.“

Kapitel 11: Spur im Tiefschnee

Die Werkstatt von Waldfried Ggoll lag tief im Wald versteckt, unweit der alten Schottersmühle. Der Geruch von Waffenöl, gegerbtem Leder und Holzrauch lag in der Luft. Als Erwin und Schorsch die schwere Eichentür aufstießen, stand Ggoll an einer Werkbank und reinigte den Lauf eines alten Jagdgewehrs. Er zeigte keinerlei Überraschung.
„Ich habe auf euch gewartet, Erwin“, sagte Ggoll mit tiefer, rauer Stimme, ohne aufzusehen. „Die Winter wollte unser Erbe zerstören. Sie wollte die uralten Jagdpfade, die meine Familie seit Jahrhunderten hegt und pflegt, für Wandergruppen und Mountainbiker freigeben. Sie hätte den Wald entweiht.“
„Das gibt dir nicht das Recht, sie wie ein Stück Wild zu erlegen, Waldfried!“, setzte Erwin an und legte die Hand auf den Holster seiner Dienstwaffe.
Ggoll lachte leise und schüttelte den Kopf. „Ich habe sie nicht getötet, Erwin. Ich halte mich an das Gesetz des Freischützen – und das besagt, dass ein Urteil im Geheimen gefällt wird, aber niemals von einem Einzelnen. Die Winter hat die Grenzen verletzt. Aber den Knoten der Schlinge... den knüpfe ich anders.“
Erwin stutzte. „Was meinst du damit?“
„Das Rosshaar“, sagte Ggoll und blickte Erwin nun direkt in die Augen. „Es stammt nicht aus meiner Werkstatt. Es stammt von den alten Präparaten im Magazin des Wallfahrtsmuseums. Jemand hat sich dort bedient, bevor das Archiv im Herbst gebrannt hat. Und es gibt nur eine Person, die den Generalschlüssel zum Magazin hatte, während Valentin Voss im Krankenhaus lag – seine Stellvertreterin und die aktuelle kommissarische Leiterin des Museums, Elfriede Voss!“

Kapitel 12: Eisiges Finale an der Basilika

Erwin und Schorsch rasten zurück zum Marktplatz. Der Schnee peitschte gegen die Windschutzscheibe des Streifenwagens. Als sie am Wallfahrtsmuseum an kamen, war das Gebäude dunkel, doch eine Spur von frischen Fußabdrücken führte direkt hinüber zum Seiteneingang der Basilika.
Mit gezogenen Waffen betraten die Ermittler das dämmrige Gotteshaus. Das einzige Licht stammte von den Opferkerzen vor dem Altar. Dort, im Chorgestühl, stand Elfriede Voss. In ihrer Hand hielt sie eine geladene, historische Steinschlosspistole – ein weiteres Stück aus der Gilden-Sammlung ihres verstorbenen Onkels.
„Bleiben Sie stehen, Frau Voss! Legen Sie die Waffe nieder!“, rief Erwin, seine Stimme hallte streng durch das barocke Kirchenschiff.
Elfriede Voss drehte sich um, ihre Augen glänzten im Kerzenlicht von einem fanatischen Fieber. „Mein Onkel Valentin ist wegen der Gier dieser Investoren und Gutachter gestorben!“, schrie sie, und ihre Stimme zitterte vorgestauter Wut. „Er wollte das Museum retten, und sie haben ihn ermordet! Dr. Winter war keinen Deut besser. Sie wollte das Land an die Tourismuskonzerne verschachern, unter dem Deckmantel des 'sanften Tourismus'. Ich habe die Chronik der Freischützen gefunden. Ich habe vollendet, was die Gilde und die Schützen immer getan haben: Die Schänder unserer Heimat gerichtet!“
„Sie haben Selbstjustiz geübt, Elfriede“, sagte Erwin und trat Schritt für Schritt auf sie zu. „Ihr Onkel wollte das Erbe bewahren, nicht neues Blut vergießen. Legen Sie die Pistole weg. Es bringt ihn nicht zurück.“
Elfriede blickte auf das historische Gemälde an der Decke der Basilika, dann auf den kalten Lauf von Erwins Dienstwaffe. Der verbliebene Stolz wich einer tiefen, erschöpften Trauer. Mit einem Schluchzen ließ sie die alte Waffe auf die Steinplatten fallen, wo sie mit einem metallischen Klacken liegen blieb. Schorsch trat sofort vor und legte ihr die Handschellen an.

Epilog: Das Versprechen des Frühlings

Drei Tage später, am Silvesterabend, hatte sich der Schneesturm gelegt. Eine feierliche Stille lag über Gößweinstein. Erwin Feuchtgruber, Schorsch Long und Pater Lukas standen auf dem Balkon des Pfarrhofs und blickten auf den hell erleuchteten Marktplatz.
Die Bedienung des Gasthofs hatte ihnen drei dampfende Krüge mit frisch gebrautem Winterbock-Bier nach oben gebracht.
„Es ist geschafft“, sagte Pater Lukas leise und hob seinen Krug. „Das alte Jahr nimmt seine Schrecken mit sich. Elfriede Voss wird die Hilfe bekommen, die sie braucht, und das neue Gutachten für den Denkmalschutz wird nun von einer unabhängigen Kommission ohne Druck von außen fertiggestellt.“
„Ein Wahnsinn, Chef“, schüttelte Schorsch den Kopf. „Erst der Wirt, dann die Köchin, der Höhlenforscher, der Brauer und jetzt die Museumsleiterin. Man darf in Gößweinstein bald niemandem mehr trauen, der eine Tracht trägt.“
Erwin Feuchtgruber schmunzelte und stieß mit den beiden an. Der dunkle Winterbock schmeckte kräftig und wärmte von innen heraus.
„Die Heimat ist kein Museum, Schorsch, und auch kein exklusives Jagdrevier“, sagte Erwin nachdenklich, während im selben Moment das große Neujahrsläuten der Basilika einsetzte. „Sie gehört den Menschen, die hier friedlich leben wollen. Und solange wir hier aufpassen, bleibt Gößweinstein genau das, was es sein soll.“
Die Gläser klangen zusammen, und während die Glocken das neue Jahr einläuteten, erstrahlte der Himmel über der Fränkischen Schweiz in einem friedlichen, farbenfrohen Feuerwerk.

„Die Handlung und alle handelnden Personen sind frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären rein zufällig.

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  • Erstellt von Thomas In der Kategorie Allgemein am 19.07.2026 14:55:00 Uhr

    zuletzt bearbeitet: 19.07.2026 15:28
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