Guten Morgen, Deutschland! Kaffee ist aus, wir haben heute nur Blutdruck.
Man sagt ja, der frühe Vogel fängt den Wurm. In diesen Tagen fängt der frühe Vogel beim Blick aufs Smartphone eher den mittelschweren Herzinfarkt. Wer braucht schon Koffein, wenn der morgendliche WhatsApp-Ticker des besten Freundes verlässlicher kickt als ein dreifacher Espresso?
Das Menü des Tages, serviert im Sekundentakt: Ein Umspannwerk unter Verdacht, eine ICE-Tür, die sich bei Tempo 200 spontan für Stoßlüftung entscheidet, und ein Jobcenter, das aus purer Harmoniesucht die Stütze für den Koran-Vorleser lieber bedingungslos überweist. Man will ja nicht provozieren. Schließlich gilt im Amt: Hauptsache, die Work-Life-Balance der Klienten stimmt, da muss man nicht mit bürokratischen Details wie „Gegenleistungen“ nerven. Und wem das noch nicht bürgernah genug ist, der pilgert zum Swinger-Gemeinderat ins Rathaus. Demokratie lebt schließlich vom Anfassen. Da kriegt der Begriff „Fraktionszwang“ eine völlig neue, interfraktionelle Dynamik.
Währenddessen auf der Berliner Kommandobrücke: Kapitän Merz steht im ARD-Sommerinterview, blickt milde lächelnd auf das schaukelnde Schiff und verkündet die frohe Botschaft: Das Thema Migration? Erledigt! Die Zahlen sind doch runter! Grenzkontrollen? Braucht kein Mensch mehr, das Volk hat jetzt andere Sorgen. Zum Beispiel die Frage, wie man sich im ICE am Sitz festkrallt, wenn die Tür mal wieder frische Luft hereinlässt.
Dass sein eigener Staatsfernseh-Faktenfinder von der ARD ihm zeitgleich via Bildschirm das Prädikat „irreführend“ auf die Stirn stempelt? Geschenkt. Wahre Staatsmänner stehen über den Fakten. Wenn die Realität nicht zu den Umfragen passt, muss sich halt die Realität ändern. Das Sorgenbarometer der Bürger, auf dem Migration beharrlich Platz eins belegt, ist vermutlich ohnehin nur eine böswillige Erfindung von Leuten, die einfach nicht flexibel genug für die moderne Zeit sind.
Aber keine Sorge, das BAMF schläft nicht. Die Widerrufsquoten für Schutzstatus schnellen nach oben wie die Strompreise. Die Wende ist da – zumindest auf dem Papier! Das Zertifikat ist weg, der Bescheid ist raus. Dass die Leute trotzdem noch da sitzen, weil mangels Flugzeugen niemand abhebt? Nun, das ist die feine Kunst des potemkinschen Regierens. Wenn man die Kulisse nur hübsch genug anmalt, merkt der Wähler im Vorbeigehen gar nicht, dass dahinter nur märkischer Sand liegt.
Derweil versammelt sich die schwarz-rote Rest-Konstruktion zur therapeutischen Runde in der Villa Borsig. Man rechnet, man streitet, man droht mit dem kollektiven Nervenzusammenbruch. Entlastungspaket? Karenztag? Jeder gegen jeden. Draußen im Land finden nur noch magere 13 Prozent die Regierung dufte, aber drinnen schweißt sie die pure, nackte Angst zusammen. Nicht vor dem Abgrund, nein – vor dem Verlust der gemütlichen Sessel. Der „Posten-Klammer-Effekt“ ist der stärkste Kleber der Republik.
In Thüringen und Sachsen wackeln die Brandmauern nicht mehr, sie werden gerade als Altmetall deklariert. Merz erklärt, das Wort habe ohnehin „nie zu unserem Sprachgebrauch gehört“ – ein faszinierender Fall von politischer Amnesie, hatte er sich selbst doch noch im Herbst letzten Jahres als fleischgewordene Brandmauer inszeniert. Vermutlich war das damals nur metaphorisch gemeint. Oder die Mauer hatte einfach ein paar feuchte Stellen.
Und die Moral von der Geschicht’? Selig, wer noch an die fünf Prozent Aufholjagd glaubt. Selig auch, wer glaubt, das alles sei nur eine Aneinanderreihung von Pleiten, Pech und Pannen. Ich schalte das Handy jetzt aus. Und gehe in die Innenstadt. Mal sehen, ob ich Friedrich Merz dort treffe. Er sucht bestimmt auch gerade den Ausgang aus der Polit-Blase. Oder die nächste ICE-Tür.
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