#1 Bernhard Schweßinger auf den Spuren von Bischof Nausea von Thomas 02.07.2017 12:43

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Bernhard Schweßinger auf den Spuren von Bischof Nausea

Von Thomas Weichert

WAISCHENFELD
Das Fränkische-Schweiz-Museum lud kürzlich in Zusammenarbeit mit dem Kulturamt des Landkreises Forchheim und dem Historischen Verein für Oberfranken anlässlich des Lutherjahrs 2017 zu einen Vortragsabend ein, der sich Bischof Nausea (1496-1552) beschäftigte. Unter dem Titel „Zwischen Reform und Reformation“ gab der gebürtige Waischenfelder und Sohn des verstorbenen langjährigen Waischenfelder Bürgermeisters und Ehrenbürgers Hans Schweßinger, Bernhard Schweßinger, dabei Einblick in das Ringen des berühmtesten Sohnes seiner Heimatstadt Friedrich Grau, dem späteren Wiener Bischof Nausea um die Einheit der Kirche in der Reformationszeit.



Bernhard Schweßinger in Tüchersfeld. Foto Thomas Weichert

Nausea, nach dem in Waischenfeld der Bischof-Nausea-Platz benannt ist, war Domprediger in Mainz, Bischof von Wien und Konzilsvater zu Trient. Bernhard Schweßinger ist heute Pressesprecher der Diözese Würzburg und Leiter des Medienhaus der Diözese Würzburg. Anhand bisher unbeachteter Akten in den vatikanischen Archiven, die zum Reformationsjahr veröffentlicht wurden, und Quellenmaterial der Stadt Frankfurt am Main zeigte er Nauseas erste Konfrontation mit der Reformation beim Reichstag in Nürnberg 1524 und an seiner ersten Pfarrstelle in Frankfurt am Main 1525 auf. Dass Nauseas Mühen um die Einheit der Kirche vom Werk des bedeutendsten Humanisten Erasmus von Rotterdam geprägt war, kam ebenso zur Sprache wie Nauseas Predigttätigkeit in Mainz, dessen Einsatz bei Religionsgesprächen und schließlich beim Konzil von Trient. Eigens zum Reformationsjahr beleuchtete Schweßinger sowohl die Kontakte Nauseas zum Reformator Philipp Melanchton als auch den spirituellen Umgang Nauseas mit den Reformatoren. Die Freunde der Fränkischen Schweiz haben Bernhard Schweßinger daher ein paar Fragen gestellt:

1. Herr Schweßinger, wie kamen sie auf Nausea und dies insbesondere in Verbindung mit dem Luther-Jahr zum Thema einer historischen Aufarbeitung zu machen ?

Bernhard Schweßinger:

Mit dem aus Waischenfeld stammenden Friedrich Grau, der sich Nausea nannte, habe ich mich in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder beschäftigt. Auslöser für das Interesse war sicherlich das 500. Geburtsjahr Bischof Nauseas, das wir 1987 in Waischenfeld mit einem wunderbaren Festjahr gefeiert haben. Während meiner Studienzeit durfte ich zuvor von 1984 bis 1985 ein Jahr in Wien studieren und konnte damals in der Wiener Hofbibliothek so manches zu Nausea recherchieren. Wenn man im Vergleich zu dieser Zeit auf die heute im Internet zu findenden digitalisierten Ausgaben von Nauseas Werken zurückgreifen kann, so liegen mittlerweile Welten zwischen den 1980er Jahren und heute. In Wien durfte ich nur mit Bleistift, Spitzer und Papierblock in die Bibliothek und musste alles handschriftlich aufzeichnen. Heute sitze ich dagegen, meist abends oder nachts, am PC und lese dort Nauseas Schriften. Das ist schon eine faszinierende Entwicklung. Im Blick auf das Lutherjahr hat mich der aus Waischenfeld stammende Kulturreferent des Landkreises Forchheim, Toni Eckert, im vergangenen Jahr angefragt, ob ich nicht im Lutherjahr einen Vortrag zu Nausea halten könnte. Spontan habe ich zugesagt und dann versucht, einige neue Forschungsergebnisse aufzuarbeiten, Nauseas Werke zu studieren und dabei besonders den Blick auf Nauseas Umgang mit den Reformatoren zu richten.


Eine alte Postkarte zeigt das Konterfei Bischof Nauseas am Stephansdom in Wien

2. Wie intensiv waren Ihre Recherchen und wie viel Zeit haben sie in Anspruch genommen um Archive des Vatikans und der Stadt Frankfurt am Main auszuwerten und daraus die Schlussfolgerungen zu ziehen ? Welche neuen Erkenntnisse über Nausea gibt es genau und wie spannend und aktuell ist Nausea als berühmtester Sohn der Stadt Waischenfeld noch heute ?

Bernhard Schweßinger:

Bisher unbeachtete Akten in den vatikanischen Archiven hat der im Schweizer Fribourg lehrende Professor für Geschichte der Neuzeit, Volker Reinhardt, in seinem Buch „Luther der Ketzer. Rom und die Reformation“ aufgearbeitet. Das Buch gibt interessante Einblicke in das Agieren Roms in der Reformationszeit. Als ich dort die Beauftragung des Kardinals Lorenzo Campeggio zum Päpstlichen Legaten für Deutschland im Jahr 1524 las, musste ich sofort an Nausea denken. Nausea stand 1523 nach umfangreichen Studien und gefüllt mit Wissen vor dem Einstieg ins Berufsleben. Und Kardinal Campeggio ernannte ihn zu seinem Sekretär für den Reichstag in Nürnberg. Wenn man dann das vorausgehende Gutachten zum Umgang Roms mit Martin Luther und der Reformation in Deutschland liest, so war mir sofort klar, dass Nausea ein Teil dieser römischen Strategie war: In der römischen Instruktion heißt es nämlich, dass man der überwältigenden Medienpräsenz des Erzketzers Luther und seiner Anhänger mit eigenen Publikationen entgegentreten wolle. Und zu diesem Zweck mussten die geeigneten Autoren durch gezielte Gunsterweise motiviert und ihnen Zugang zu den großen Druckerpressen des Reiches verschafft werden. Das trifft genau auf Nausea zu: ein bestens gebildeter junger Humanist und Jurist, dem der päpstliche Legat Campeggio die Gunst erweist und zu seinem Sekretär beim Reichstag in Nürnberg ernennt. Nausea bediente fortan mit insgesamt rund 100 eigenen Werken die Druckerpressen. Dabei entstanden natürlich hohe Kosten, die Nausea über Einnahmen aus verliehenen Präbenden finanzierte.

Nauseas Scheitern an seiner ersten Pfarrstelle im Sankt Bartholomäusstift in Frankfurt, das auch als Dom bezeichnet wird, hat mich in jüngster Zeit besonders interessiert. Danken darf ich hier posthum den vor kurzem verstorbenen Albert Berger aus Hainburg bei Hanau. Mit seiner Frau hat er über Jahrzehnte seinen Urlaub in der Pension Krems in Rabeneck verbracht. Als er von Nausea erfuhr und mich damit in Verbindung brachte, hat mich Herr Berger immer wieder mit Informationen zu Nauseas Frankfurter Zeit „gefüttert“. So kam ich zum Ratsprotokoll im Frankfurter Bürgermeisterbuch von 1526, wo der Aufruhr bei Nauseas erster Predigt beschrieben ist, und zum Schreiben Nauseas an den Rat der Stadt Frankfurt am Main, in dem er den Konflikt mit den Reformatoren in Frankfurt erst befeuert. In dem Schreiben forderte er, dass die in Frankfurt bereits agierenden protestantischen Prädikanten nicht mehr in seiner Pfarrkirche predigten dürften und der Rat dies verbieten müsse. Er selbst hörte nicht auf die Warnungen des Rats vor einem Eklat, schritt zu seiner ersten Predigt im Stift und musste diese aufgrund des Aufruhrs in der Kirche abbrechen. Es kam zu lautem Geschrei und der Forderung, die Prädikanten wieder predigen zu lassen. Nausea verließ darauf das Stift und die Stadt Frankfurt und kehrte nicht mehr zurück. Durch diese für mich neue Aktenlage wird meines Erachtens erstmals deutlich, dass Nausea selbst einen großen Anteil daran hatte, dass er die bedeutsame Frankfurter Pfarrstelle verlassen musste. Er hatte nach den Studienjahren in Italien die Situation in Deutschland völlig falsch eingeschätzt und musste dafür „Lehrgeld“ zahlen. Letztlich kam ihm dieses Scheitern dann aber zugute, denn er erhielt innerhalb weniger Tage die Stelle des Dompredigers in Mainz und konnte dort seine Predigertätigkeit vollends entfalten. 23 Werke entstanden in Nauseas Mainzer Zeit bis 1534, darunter die Centurien, eine umfangreiche Sammlung von Predigten zu den Sonntagen des Jahreskreises, zu den Festen und zu den Heiligentagen. 1535 erschien dieses Werk auch in Deutsch. Die Geschichte zeigt, dass aus einem Scheitern sich neue Chancen eröffnen können. Eine Lebensweisheit, auch für heute.

Neu waren für mich auch die Kontakte, die Nausea im Hintergrund offizieller Verhandlungen mit den Reformatoren beim Religionsgespräch 1540 und 1541 in Worms pflegte. Er traf sich mit den Wittenberger Reformatoren Philipp Melanchton und Caspar Cruciger sowie mit dem Straßburger Reformator Martin Bucer heimlich in seiner Wohnung, um zu diskutieren, wie die stockenden Religionsgespräche vorangebracht werden könnten. Menschlich beeindruckt hat mich dabei besonders, dass die Reformatoren zu Beginn des Jahres 1541 Nausea am Krankenbett besuchten. Sein Steinleiden setzte ihm sehr zu. Mit dem Besuch der Reformatoren ging es ihm gleich wieder besser, schreibt er. Das zeigt doch, dass bei allen theologischen Streitigkeiten und Auseinandersetzungen das Zwischenmenschliche hier Platz findet. Für mich greift eine solche Begegnung tiefer und kann auch für heute Beispiel sein, wie jeder von uns mit Andersdenkenden, Andersgläubigen umgehen kann und sollte. Von daher kann historische Forschung sehr spannend sein. Und so manche Aussage Nauseas, die er vor fast 500 Jahren getätigt hat, ist heute genauso aktuell. Dabei denke ich besonders an Nauseas Worte im Gutachten für König Ferdinand zur Confessio Augustana. Dort fordert er die Freigabe des Zölibats und betont: Schon jetzt sei wegen des Mangels an Priestern an vielen Orten die Seelsorge ganz aufgegeben worden.



Im "Betbüchlein für die Königin Anna" formuliert Nausea auch ein Gebet für die Einheit der Kirche und für die Reformatoren.
Foto: Bayerische Staatsbibliothek


3. Wie kam die Verbindung mit dem Fränkische Schweiz Museum zustande ?

Bernhard Schweßinger:
Die Verbindung ging von Toni Eckert aus. Er sprach mit mir die Themen ab und legte dann die Orte für meine beiden Vorträge fest. Einen ersten Vortrag zum Waischenfelder Ulrich Burchardi, der ebenfalls in der Reformationszeit wirkte, durfte ich ja schon im Frühjahr in Gößweinstein halten.


Im Werk "Christliche Einrede" aus dem Jahr 1532 legt Nausea Vorgaben für das Leben und Wirken der Kleriker vor. Nausea wollte die Reform des Klerus, um die Glaubwürdigkeit der Kirche wieder herzustellen. Foto: Bayerische Staatsbibliothek

4. Ein wenig Persönliches über Sie. Was verbindet Sie noch heute mit Waischenfeld ? Stichwort Wallfahrtsführer nach Vierzehenheiligen. Wie war Ihr Werdegang der Sie schließlich nach Würzburg als Pressesprecher der Diözese Würzburg und Leiter des Medien Hauses der Diözese Würzburg geführt hat ?

Bernhard Schweßinger:

Mit seinem Geburtsort ist man ein Leben lang verbunden. Das können wir auch von Nausea lernen. Ohne jetzt in Erinnerungen schwelgen zu wollen, waren es vor allem in der Kinder- und Jugendzeit interessante Jahre, in denen wir viel ausprobieren konnten und viele Weisheiten fürs Leben sammelten. Diese Erfahrungen haben mir immer wieder „draußen in der Welt“ geholfen und tun dies auch heute. Der Satz eines meiner Bamberger Theologieprofessoren bleibt mir stets in Erinnerung: „Wenn du ein Dorf richtig kennst, dann kennst du die ganze Welt.“ Da ist etwas dran. Die letzte Aktivität aus dieser Jugendzeit war bis letztes Jahr das Amt des Waischenfelder Wallfahrtsführers nach Vierzehnheiligen. Ich bin sehr dankbar, dass Karin Söllner jetzt diese Aufgabe übernommen hat. Für mich ist es wichtig, bei Ehrenämtern auch den richtigen Zeitpunkt fürs Abgeben zu finden. Das ist, so empfinde ich es, hier gelungen. Und ich kann ja weiter in der Gestaltung der Wallfahrt mitwirken und spirituelle Impulse einbringen. Schön an der Wallfahrt ist, dass ich dort Menschen begegne, mit denen ich seit Jahrzehnten die Verbindung nach Waischenfeld pflegen kann. Natürlich treffe ich mich mit Verwandten und Freunden aus Waischenfeld oder arbeite im Wald und Garten, die mich ja auch mit Waischenfeld weiter verbinden. Auch ist das Nankendorfer Schrollbier mein „Hausbräu“, von dem ich mir nach getaner Arbeit oft eines gönne. Nicht vergessen will ich den Friedhof, wo zahlreiche Verwandte, Nachbarn und Freunde ruhen, zu denen die Verbindung doch über den Tod hinaus weiterbesteht.

In Würzburg bin ich mittlerweile seit 26 Jahren bei der Diözese Würzburg beschäftigt. Letztlich ging es mir in gewisser Weise auch wie Nausea, denn ich hatte dort mit dem 2014 zu früh verstorbenen Generalvikar Dr. Karl Hillenbrand einen Förderer, der mir Wege im Dienst der Kirche aufzeigte. So war ich ab 1991 zunächst als Volontär, dann als Redakteur und Chef vom Dienst beim Würzburger katholischen Sonntagsblatt bis zum Jahr 2000 tätig, dann als Leiter der Bischöflichen Pressestelle und als Pressesprecher der Diözese, schließlich seit 2014 als Leiter des diözesanen Medienhauses mit rund 70 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie weiter als Pressesprecher. Und ich kann nach 26 Jahren sagen, dass mir das Wirken in der Medienarbeit der Diözese Würzburg weiter viel Freude bereitet, auch wenn ein Pressesprecher natürlich immer ran muss, wenn negative Schlagzeilen drohen. Eine zusätzliche Aufgabe ist mir seit 2014 übertragen worden: die Geschäftsführung des ökumenischen Fernsehmagazins „Kirche in Bayern“, das seinen Sitz in Würzburg hat. Hier erlebe ich eine intensive und erfolgreiche Zusammenarbeit mehrerer bayerischer Bistümer und katholischer Hilfswerke mit der evangelischen Landeskirche. Und denke dabei manchmal auch an die Gespräche Nauseas mit den Reformatoren und wie nahe sich die beiden Kirchen heute mittlerweile wieder gekommen sind.


Das Jugendwerk Nauseas "In Artem Poeticen" hat der Burgenverein Waischenfeld im Jahr 2002 erworben. Foto: Bernhard Schweßinger

Das Interview mit Bernhard Schweßinger führte Thomas Weichert

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